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Eine naturverbundene Nation

Der Ausdruck Friluftsliv wurde in den 1850er Jahren von dem berühmten norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen geprägt. Er benutzte den Begriff, um zu beschreiben, wie wichtig es für das geistige und körperliche Wohlbefinden ist, Zeit an abgelegenen Orten zu verbringen.

Aber das Konzept, sich in der Natur aufzuhalten, um sich zu erholen, ist seit Jahrhunderten Teil der norwegischen Kultur.

„Inzwischen geben neun von zehn Norwegern an, dass sie sich für Friluftsliv interessieren“, erklärt Bente Lier, Geschäftsführerin von Norsk Friluftsliv, einer Dachorganisation, der 18 norwegische Outdoor-Organisationen angehören.

Aber was genau bedeutet der Begriff?

Friluftsliv ist nicht an eine bestimmte Aktivität gebunden. Für Norweger hat das Wort eine tiefere Bedeutung. Es bedeutet, sich vom Alltagsstress zu lösen und Teil des kulturellen ,wir‘ zu sein, das uns Menschen als Teil der Natur zusammenhält“, sagt Lier.

Die Philosophie von Friluftsliv beruht im Grunde auf einem einfachen Leben in der Natur, ohne diese zu zerstören oder zu beeinträchtigen. Außerdem ist der Begriff eng mit „Kos“ (Gemütlichkeit) verknüpft, dem norwegischen Inbegriff für eine gute Zeit.

Friluftsliv ist ein fester Bestandteil der nationalen Identität Norwegens und die Liebe zur Natur spiegelt sich in allen Aspekten des Lebens wider.

Beispiel gefällig?

Inzwischen von Friluftsliv überzeugt

„Es ist schon erstaunlich, dass die Rückbesinnung auf die Natur und ein Outdoor-Lebensstil trotz des sehr modernen Lebensstils der heutigen Norweger immer noch ein Teil ihrer Identität ist“, meint die in Frankreich geborene Autorin, Bloggerin und Anwältin Lorelou Desjardins.

Als Desjardins vor neun Jahren nach Norwegen zog, begann sie sich schnell für die leidenschaftliche Liebe der Einheimischen zur Natur zu interessieren. Fast alle schienen jeden Freitag um 16 Uhr (nicht später, um nicht in einen Stau zu geraten) zu einer Berghütte zu eilen.

Im Rahmen eines TEDx-Vortrags in Trondheim im Jahr 2018 sprach sie über ihre eigene Beziehung zu Friluftsliv und darüber, wie sie von einer arbeitssüchtigen Stadtbewohnerin, die die Natur nicht mochte, zu einer begeisterten Vertreterin des Friluftsliv-Konzepts wurde, die ihre Freizeit gerne in der Natur verbringt.

Friluftsliv ist einer der Gründe, warum ich beschlossen habe, mich in Norwegen niederzulassen“, erklärt Desjardins, die zuvor in neun unterschiedlichen Ländern gelebt hatte.

Die Vorteile

Experten wissen seit langem, dass sich der Aufenthalt in der Natur sowohl auf unsere körperliche als auch auf unsere geistige Gesundheit positiv auswirkt.

„Die Vorteile von Friluftsliv für den Körper sind von unschätzbarem Wert, da das Konzept meistens irgendeine Form von körperlicher Aktivität beinhaltet. Die Vorteile für die Psyche sind jedoch ebenso wichtig“, sagt Lier.

Sie bezieht sich auf eine Studie, aus der hervorgeht, dass ein Aufenthalt in der Natur sowohl dazu beiträgt, Ängste zu reduzieren, als auch positive Auswirkungen auf kognitiver Ebene hat.

Verschiedene norwegische Studien zeigen, dass eine der Hauptbeweggründe für Friluftsliv der Wunsch nach Frieden und Ruhe ist. In einer öffentlichen Umfrage aus dem Jahr 2020 gaben neun von zehn Norwegern an, dass sie sich weniger gestresst fühlen und besser gelaunt sind, wenn sie Zeit in der Natur verbringen.

„Wenn wir uns der Natur zuwenden, konzentrieren wir uns nicht mehr so sehr auf uns selbst“, sagt Helga Synnevåg Løvoll.

Synnevåg Løvoll ist außerordentliche Professorin für Friluftsliv an der Hochschule Volda. Sie hat mehrere Studien über emotionale, spirituelle und ästhetische Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Praktizieren von Friluftsliv durchgeführt. Sie erklärt, dass es für unsere Gesundheit genauso gut sein kann, ruhig im Wald zu sitzen, wie einen Berggipfel zu erklimmen.

Synnevåg Løvoll erklärt, dass sich die fünf Ansätze des Wohlbefindens alle in Friluftsliv wiederfinden:

  • Auf andere zugehen (etwa indem man etwas gemeinsam unternimmt)
  • Aktiv sein (Wandern, Radfahren, Rudern etc.)
  • Aufmerksam sein (neugierig sein, Schönes wahrnehmen)
  • Lernbegierig bleiben (eine neue Aktivität oder einen neuen Weg ausprobieren)
  • Einen Beitrag leisten (etwa indem man es anderen ermöglichen, Zeit in der Natur zu genießen)

Friluftsliv könnte einer der Gründe dafür sein, dass Norwegen zu den glücklichsten Ländern weltweit zählt. Im World Happiness Report 2020 der Vereinten Nationen belegte Norwegen den 5. Platz. Bergen sowie Oslo waren unter den zehn glücklichsten Städten.

„Ich denke, man kann zweifelsohne sagen, dass Friluftsliv dazu beiträgt, dass die Norweger sehr glücklich sind“, sagt Lier.

Vier Jahreszeiten, immer die gleiche Einstellung

Wie aber sieht es an kalten, dunklen und regnerischen Tagen aus?

In Norwegen gibt es vier verschiedene Jahreszeiten und ganz unterschiedliches Wetter. Friluftsliv wird jedoch 365 Tage im Jahr praktiziert.

Mieses Wetter als Ausrede dafür zu benutzen, drinnen zu bleiben, kommt für die meisten norwegischen Haushalte nicht in Frage. Wenn Sie sich beschweren, werden Sie wahrscheinlich das bekannte Sprichwort zu hören bekommen: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung!“ (Auf Norwegisch reimt es sich.)

In einem Interview mit National Geographic erklärte Kari Leibowitz, Gesundheitspsychologin an der Stanford University, dass die Norweger über eine – wie sie es nennt – „positive Einstellung in Bezug auf den Winter“ verfügen. Menschen, die eine solche Einstellung haben, „sehen die Vorteile der Jahreszeit“, erklärte Leibowitz. Als sie ein Jahr lang in der arktischen Stadt Tromsø lebte, lernte sie, mit dem wechselhaften Wetter Norwegens umzugehen.

Auch Sigmund Andersen, der die vergangenen 20 Jahre als IFMGA-Bergführer und außerordentlicher Professor an der UiT The Arctic University of Norway in Spitzbergen verbracht hat, kennt sich sehr gut mit extremen Wetter- und Temperaturverhältnissen aus.

„Das Besondere an unserer kulturspezifischen Herangehensweise an die Natur ist, dass wir es gewohnt sind, flexibel zu sein. Wir müssen unsere Pläne immer nach dem Wetter richten und oft ändern“, sagt er.

Wirklich mit der Natur eins werden

Für Andersen ist Friluftsliv ein lebenslanges Projekt und eine Verpflichtung. Er hat mehr Zeit in der Natur verbracht, als sich die meisten von uns vorstellen können und sagt, dass Friluftsliv für sein Wohlbefinden sehr wichtig ist.

„Wenn ich mit der Natur eins werde, verspüre ich ein Gefühl von Ruhe. Wenn ich anspruchsvolle Touren mache, ist das sehr erfüllend für mich und freue mich über eine schöne Aussicht oder wenn ich sehe, wie sich Himmel, Farben und Wetter verändern“.

Als Bergführer besteht Andersens Aufgabe darin zu vermitteln, dass einprägsame Naturerlebnisse nicht unbedingt einen extremen Charakter aufweisen müssen.

„Ich glaube, wir müssen vor allem lernen, zu entschleunigen. Wir müssen nicht so ehrgeizig sein, wenn es darum geht, wie weit oder wie schnell wir vorankommen. Darum geht es bei Friluftsliv nicht“.

Nehmen Sie sich stattdessen Zeit, um ...

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