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So baut man eine Stabkirche

… mit den Werkzeugen der alten Wikinger!​

Stellen Sie sich vor, Sie reisen 800 Jahre zurück in die Vergangenheit. Pferde ziehen Baumstämme. Keine Maschinen, keine Elektrowerkzeuge, keine modernen Materialien. Nur Holz, Äxte, handwerkliches Geschick …

… und eine Gemeinschaft, die die Geschichte der Wikinger wieder lebendig machen will.

In Norwegen wurde seit Jahrhunderten nicht mehr so gebaut.

Aber hier, in Setesdal, entsteht gerade eine neue Stabkirche.

In the Setesdal valley, a passionate local community is reviving Norway's iconic wooden architectural heritage by building a traditional stave church, crafted using Viking Age techniques. The church is scheduled to be complete in 2030.

Sandra Birkeland, project manager of the stave church project in Setesdal, Southern Norway

Sandra Birkenes, Projektmanagerin

Die Stabkirche im Dorf lassen?

„Hätten wir gewusst, wie groß das Projekt werden würde, hätten wir uns vielleicht nicht getraut, anzufangen“, sagt Projektleiterin Sandra Birkenes.

Eine Stabkirche im 21. Jahrhundert ohne moderne Werkzeuge zu bauen, mag wie ein äußerst ambitioniertes Unterfangen erscheinen. Doch in Rysstad im malerischen Tal Setesdal in Südnorwegen tut die lokale Gemeinschaft genau dies.

Es ist ein kleiner Protest gegen die Entwicklung der Gesellschaft, in der Geschwindigkeit und Effizienz über Qualität und Handwerkskunst gestellt werden.

Sandra Birkenes

Ursprünglich sollte sie als Attraktion für das Dorf den Tourismus und einheimische Unternehmen fördern. Das Projekt hat sich mittlerweile weit über die Region hinaus zu einem nationalen Vorhaben entwickelt. Die Setesdaler lassen die Kirche nicht im Dorf – sie bringen sie ins Dorf!

Wikinger-Erbe

Während im Mittelalter der Großteil Europas Steinkirchen baute, entwickelte Norwegen eine einzigartige Tradition: die Stabkirchen. Benannt nach ihren Eckpfosten oder Stäben, bestehen sie aus Holzrahmen mit Wänden aus aufrechten Brettern.

Viele sind mit aufwendigen Schnitzereien verziert, darunter christliche Symbole, aber auch nordische Motive wie Wikingerschiffe.

Stabkirchen wurden oft an uralten heiligen Kultstätten errichtet, an denen sich die Menschen einst zur Gottesanbetung unter freiem Himmel versammelten. Einst gab es in Norwegen vermutlich zwischen 1300 und 2000 Stabkirchen.

Durch demografische Veränderungen, Verfall, neue Bauweisen, Brände und neue Kirchengesetze gingen die meisten dieser Kirchen im 19. Jahrhundert verloren. Heute werden nur noch 28 als wertvolle Denkmäler des norwegischen Kulturerbes geschützt.

Die Rekonstruktion

Bei der Wahl eines Modells orientierte sich das Team an Norwegens besterhaltenem Beispiel: der Borgund Stabkirche in Lærdal in Fjord Norwegen. Zwar werden mit der neuen Kirche auch eigene Designideen verwirklicht, die präziseste Vorlage basiert jedoch auf Borgund.

Das Setesdal-Tal war die historische Heimat der Stabkirche Hylestad, die einst in einem Feld in Rysstad stand, bevor sie 1664 abgerissen wurde.

Eine Bodenradar-Untersuchung des ehemaligen Standorts zeigte, dass sich der Grundriss der Kirche fast identisch mit dem der Borgund-Stabkirche deckt. Obwohl die neue Kirche nicht am ursprünglichen Standort errichtet wird – dieser ist geschützt –, wird sie direkt auf der anderen Seite des Flusses, neben dem Setesdal-Museum, stehen.

Ohne moderne Werkzeuge

Und das Coolste daran? Das Team baut die Kirche ausschließlich mit Techniken aus dem Mittelalter. Natürlich bringt dies eigene Herausforderungen in Bezug auf moderne Sicherheitsstandards mit sich.

„Wenn es darum geht, die zehn Meter hohen Wände von Hand aufzurichten … ich freue mich schon darauf, den Bauprozess ohne moderne Geräte wie Kräne zu sehen“, sagt Sandra.

Um die große Frage zu beantworten, wie die Wände ursprünglich errichtet wurden, muss das Team vielleicht sogar zweimal bauen. So soll die wahrscheinlichste Methode ermittelt werden, erklärt sie.

Wir scherzen, dass wir am Ende wie die Kirche in Barcelona sein könnten, die nie fertig wird“, fügt sie hinzu.

Sogar die damals benutzten Werkzeuge werden von Hand nachgemacht, um die gleichen Spuren im Holz erzeugen zu können wie in den Originalkirchen.

Darüber hinaus ist die Beschaffung des richtigen Holzes schwierig, da langsam gewachsenes Holz höchster Qualität benötigt wird. Während die ursprünglichen Bauherren leichteren Zugang zu diesen Bäumen hatten, will das Team in Setesdal fündig werden – möglicherweise muss aber auch darüber hinaus gesucht werden.

1000 Menschen am Werk

Mehr als tausend Menschen – von engagierten Schülern bis zu Meisterhandwerkern – tragen zum Projekt bei.

Eine Schlüsselfigur ist Øyvind Mauren. Was im Alter von 14 Jahren als Hobby in der Tischlerei begann, wuchs zu einer lebenslangen Leidenschaft für historische Gebäude und das Mittelalter. Heute arbeitet er hauptberuflich in der Restaurierung alter Gebäude.

Gemeinsam mit Marton Laksesvela und Øyvind Jacob investierte er bereits 1800 Stunden in den Bau des ersten Modells der neuen Stabkirche.

Ein offenes, lebendiges Klassenzimmer

Das Projekt dient der wichtigen Dokumentation und Forschung, um das norwegische Kulturerbe und Baupraktiken besser zu verstehen.

Es liefert Erkenntnisse für den modernen Hausbau und die Restaurierung. Zudem zeigt es, wie Baupraktiken einst einen Standard erreichten, den wir heute noch nicht wieder erreicht haben.

Øyvind Mauren

Handwerker

Die Kirche soll zwischen 2029 und 2030 fertiggestellt werden. Doch sie zieht bereits jetzt große Aufmerksamkeit auf sich. Das Projekt bleibt während der gesamten Bauphase für Besucher geöffnet und wird auch nach der Fertigstellung eine Attraktion sein.

Besucher können während des Bauprozesses an Aktivitäten wie Schmiedearbeiten und Holzschnitzen teilnehmen. Wer also schon immer davon geträumt hat, in die Fußstapfen eines Wikingers zu treten, hat jetzt die Chance dazu!

Eine spannende Zukunft

Das enorme Interesse an dem Projekt hat das Team überrascht.

„Ich dachte, es wäre ein Nischenthema, aber wir haben Anfragen zur Teilnahme aus der ganzen Welt erhalten. Das könnte Türen für nationale und internationale Förderungen öffnen“, sagt Sandra.

Tatsächlich hat das Projekt sogar internationales Medieninteresse geweckt. France TV besuchte die Baustelle und berichtete in einer Serie über norwegische Stabkirchen.

Das Team sieht zudem Chancen für einheimische Unternehmen – zum Beispiel die Entwicklung eines Stabkirchen-Biers mit einer örtlichen Brauerei. „Das Gebäude wird ein Wahrzeichen werden, das sich die Leute ansehen wollen. Doch darüber hinaus wird es auch neue Möglichkeiten für bestehende Unternehmen eröffnen', fügt Sandra hinzu.

Besuchen Sie selbst eine Stabkirche

Heute sind noch 28 Stabkirchen in unterschiedlich gutem Zustand erhalten.

Wenn Sie die besterhaltene Stabkirche sehen möchten, die auch als Vorbild für die neue Kirche im Setesdal dient, besuchen Sie die Stabkirche Borgund in Lærdal in Fjord Norwegen. Weitere schöne Beispiele elaborierter Stabkirchen sind unter anderem die UNESCO-gelistete Stabkirche Urnes in Luster, die Stabkirche Heddal in der Telemark und der Nachbau der Stabkirche Fantoft in Bergen.

Ein Spaziergang durch die Geschichte

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