Sie kennen wahrscheinlich die ein oder andere Sauna in Deutschland, und vielleicht haben Sie schon von der finnischen Sauna gehört. Aber wie sieht es mit der norwegischen Badstue aus? Von den Dampfbädern der Wikinger bis hin zu schwimmenden Saunadörfern von Stararchitekten – der jüngste Sauna-Boom in Norwegen ist eine faszinierende Geschichte.

Badstue – Norwegens einzigartige Saunakultur
Saunen – oder Badstuer, wie wir sie nennen – sind in Norwegen nichts Neues. Historische Belege deuten darauf hin, dass im hohen Norden sogar schon in der Wikingerzeit ordentlich Dampf gemacht wurde.
Diese Kultur wurde in den letzten Jahren mit neuer Identität wiederbelebt. Doch während die Wikinger die Meere beherrschten und wohl an Land saunierten, schwitzen die heutigen Norweger gerne in schwimmenden Saunen!
“Naturnahe, architektonisch anspruchsvolle, sozial zugängliche öffentliche Saunen: Das ist das norwegische Modell.”
Stig Arild Pettersen
Generalsekretär des Norwegischen Saunaverbands
„In Norwegen sagen wir nicht Sauna, dieses Wort ist finnisch. Wir sagen Badstue. Die Badstue ist das ursprüngliche Bad. Das steckt schon im Wort selbst. Stue bedeutet ein kleines Haus oder Zimmer, das mit einer Feuerstelle beheizt wurde“, erklärt Stig Arild Pettersen, Generalsekretär des Norwegischen Saunaverbands und Badstue-Liebhaber.

Wunderschöne hölzerne Badstuer prägen in Norwegen heute Stadt und Natur. Die vielen spektakulär gelegenen Fjord- und Bergsaunen gehören zu den Highlights einer Norwegen-Reise – und zwar in jeder Jahreszeit.
„Oslo gilt heute als die Welthauptstadt der schwimmenden Saunen und als weltweiter Vorreiter auf diesem Gebiet“, sagt Pettersen.
Lange Zeit waren norwegische Badstuer oft fensterlose Kästen im hintersten Kellerwinkel. Die modernen und eleganten Saunen von heute findet man hingegen entlang der Küste, an Fjorden und Seen, an Stränden und in den Bergen – Panoramafenster mit atemberaubenden Ausblicken inklusive.

Das Erbe der Wikinger
Doch das war nicht immer so. Die Geschichte der norwegischen Badstue ist kompliziert. Die Tradition des Schwitzbadens ist in mehreren europäischen Ländern zu finden, doch wir wissen nicht genau, wie lange es sie in Norwegen schon gibt. Sie wurde jedoch bereits in den Sagas der norwegischen Wikingerkönige erwähnt.
„Es gibt nur sehr wenig Dokumentation, aber wir wissen, dass die Wikinger Badstuer genutzt haben. Die beste Dokumentation aus dem Mittelalter stammt von dem venezianischen Adligen und Kaufmann Pietro Querini“, erzählt Pettersen.
Im Jahr 1432 fand sich Querini in Røst wieder, einer kleinen Insel oberhalb des Polarkreises, nachdem sein Schiff während eines Sturms vom Kurs abgekommen war. Er blieb drei Monate lang und beobachtete die Inselbewohner.
Er berichtete von Menschen jeden Alters und Geschlechts, die sich jeden Donnerstag versammelten und gemeinsam nackt hinunter zum Badehaus gingen.
Eine verlorene Kultur
„Gebadet wurde eigentlich im Dampf, nicht im Wasser. Die Norweger haben sich jahrtausendelang in Badstuer gereinigt“, erklärt Pettersen.
100 Jahre nach Querinis Besuch wurde Norwegen eine dänische Kolonie – schlechte Nachrichten für die norwegische Badstue-Kultur.
Der dänische König brachte den Protestantismus nach Norwegen, was zu einer Welle des christlichen Puritanismus im ganzen Land führte. Durch eine Reihe von Gesetzen und Dekreten wurde ein Nacktheitsverbot durchgesetzt, das das vorläufige Ende der norwegischen Badstue-Kultur besiegelte.
Im 19. Jahrhundert waren die Badstuer verschwunden oder zu einer Kuriosität geworden. Die Gebäude wurden für das Trocknen von Getreide umfunktioniert.
Die Badstue-Kultur verschwand für rund 300 Jahre, mit der einzigen Ausnahme: Die Kvenen und Waldfinnen (Minderheiten finnischer Herkunft) bewahrten ihre eigene Saunakultur in Norwegen.
Erleben Sie die von Architekten entworfene Kvenen-Sauna Horisontti in Vadsø, Varanger!

Die Renaissance der norwegischen Badstue
Norwegen erlangte vor etwa 200 Jahren seine Unabhängigkeit. Und mit der Entdeckung der Bakterien wurde die Hygiene zur Tugend.
„Können Sie sich vorstellen, dass es ein paar Jahrhunderte gab, in denen die Menschen dachten, Sauberkeit sei eine schlechte Idee?“, fragt Pettersen.
Dies führte zu einer Wiederbelebung der norwegischen Badstue. Im ganzen Land wurden moderne Badstuer mit Eisenöfen gebaut.
Bis zu den 1950er Jahren gab es mehr als 900 gemeinnützige Badstuer, und einige sind heute noch in Betrieb.
Ab den 1960er Jahren gab es selbst in ländlichen Gegenden fließendes Wasser und Badstuer wurden als unnötig und rückständig angesehen. In den 70er und 80er Jahren wurden die Menschen wohlhabender und Saunen in den eigenen vier Wänden zum neuen Trend.
„Viele von ihnen endeten als Abstellräume, weil die Kultur und der soziale Aspekt verloren gegangen waren. Die Menschen wussten nicht mehr, wie sich eine gute Badstue anfühlt“, sagt Pettersen.
Der Badstue-Boom
„Es gibt eine Art kollektives Gedächtnis daran, ein Badstue-Volk zu sein. Wir haben es 300 Jahre lang verloren, aber es ist irgendwo da, in unseren Knochen, und es brauchte nicht viel, um es zurückzuholen“, erzählt Pettersen.
1999 entwarf der finnische Architekt Sami Rintala im Rahmen eines Kunstprojekts eine schwimmende Sauna im Hardangerfjord. Sie konnte das ganze Jahr über dort bleiben, da der Golfstrom die norwegische Küstenlinie weitgehend eisfrei hält.

Einige Jahre später tauchte in Oslo eine baufällige schwimmende Sauna aus Treibholz auf dem Fjord auf. Diese Improvisation einer Gruppe von Anarchisten hatte keine Anlegegenehmigung von den Behörden und wechselte daher immer den Standort.
Der Winterschwimmverein des Außenministeriums verhalf der Gruppe schließlich zu einer Genehmigung – natürlich im Austausch gegen einen Zugang zur Sauna! Das war die Geburtsstunde der Oslo Sauna Association.
Seitdem entstanden in ganz Norwegen Hunderte Badstuer in allen Formen und Größen.

Sauna-Etikette
Badstuer sind intime Orte und man muss daher einige Dinge beachten. Hier sind ein paar Tipps für eine gute Sauna-Etikette von Stig Arild Pettersen, dem Generalsekretär des Norwegischen Saunaverbands:
- Seien Sie respektvoll und rücksichtsvoll gegenüber anderen.
- Fragen Sie nach, bevor Sie aufgießen.
- Sitzen Sie innerhalb der Badstue auf einem Handtuch.
- Passen Sie Ihre Lautstärke an den Rest des Raumes an.
- Halten Sie den Saunabereich nachhaltig sauber
In öffentlichen norwegischen Badstuer trägt man meist Badebekleidung, außer es ist ausdrücklich anders angegeben – z. B. im The Well Spa.
Die wärmsten Empfehlungen
Der Generalsekretär des Norwegischen Saunaverbands, Stig Arild Pettersen, empfiehlt den Besuch dieser Saunen:
Skogens Rom in Lunde, Telemark – fantastische Lage, tolle Gastgeber und hervorragender Dampf.
Eldmølla in Vang, Valdres – eine absolut unglaubliche Kulisse und ein großartiges Naturerlebnis, architektonisch spannend.
Horisontti Sauna in Vadsø, Finnmark – ein Kunstwerk, basierend auf der Kultur und den Traditionen der Kvenen.
Sauna im Bootshaus auf Træna, Nordland – ein einzigartiges maritimes Kunstwerk auf einer Insel weit draußen auf dem Meer, mit einer wunderbaren lokalen Gemeinschaft.
Die Rauchsauna in Søndre Sæterbakken, Finnskogen – eine Reise durch eine lebendige Kulturgeschichte und in das Erbe der Waldfinnen.
Mit Volldampf voraus
Es gibt kein Richtig oder Falsch bei der norwegischen Badstue-Kultur. Da die Tradition einst in Vergessenheit geriet und wieder ganz von vorne anfing, sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt.
„Viele Architekten entwerfen liebend gerne moderne Saunen, weil sie klein und günstiger zu bauen sind. Sie können dabei kreativ sein und mit der umliegenden Natur arbeiten“, sagt Pettersen.
Die bei Norwegern hochgeschätzte Natur spielt in der Tat eine entscheidende Rolle bei diesem Comeback. Badstuer werden heute gerne direkt in die norwegische Natur eingebettet – vor allem, weil sie das ganze Jahr über genutzt werden können!
Aber auch weitere Faktoren halfen beim Wiederaufbau der Badstue-Kultur: neue Bauvorschriften, Gesundheits- und Wellness-Trends, Tourismus, Saunarituale, der Wunsch nach digitalem Detox und die COVID-19-Pandemie.
Neue Freunde finden
Die Sauna wurde auch zu einem großartigen Ort, um während der langen Wintermonate Kontakte zu knüpfen.
„Ein Mann in den Sechzigern erzählte mir, dass er in einer Badstue zum ersten Mal seit 20 Jahren eine neue Freundschaft geschlossen hat. Das ist das, was man einen dritten Ort nennt – außerhalb von Arbeit und Zuhause. Es gibt keinen Druck und keine digitalen Ablenkungen, deshalb kann man sich hier einfach entspannen und mit anderen ins Gespräch kommen“, sagt Pettersen.
Im ganzen Land entstehen weiterhin neue Badstuer. Sie können das norwegische Saunaritual auf Ihrer Norwegen-Reise einfach selbst ausprobieren.
„Es gibt so viele coole und unterschiedliche Badstuer, deshalb ermutigen wir die Menschen, auf Entdeckungsreise zu gehen und ihren Favoriten zu finden“, sagt Pettersen.
Und das könnte eine schwierige Wahl werden: Schauen Sie sich nur diese eleganten Saunaflöße im schwimmenden Saunadorf Sukkerbiten an, direkt neben dem Munch Museum und dem Osloer Opernhaus. Hier finden Sie auch die preisgekrönte und rollstuhlgerechte Sauna Trosten.

Sind Sie bereit für einen extra warmen Empfang in Norwegen? Dann vergessen Sie nicht Ihre Badesachen – und zwar in jeder Jahreszeit!
Der Saunahimmel
Entdecken Sie einige der außergewöhnlichsten Saunen und Saunadörfer Norwegens, in denen Architektur und spektakuläre Naturkulissen zu einem einzigartigen Erlebnis verschmelzen.

















































